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Das Kinderwunschzentrum Darmstadt: Ein Endometriose-Zentrum

Die Endometriose ist ein sehr rätselhaftes Krankheitsbild, dessen Ursachen bis heute nicht völlig geklärt sind. Die bis heute gängigen Vorstellungen über ihre Entstehung können viele Symptome sowie Begleiterscheinungen, wie z.B. weiter bestehende Sterilität trotz operativer und medikamentöser Beseitigung von z. T. nur minimalen Endometrioseherden, nicht erklären.
Professor Leyendecker hatte deshalb 1990 eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel der Erforschung dieses in der Frauenheilkunde so wichtigen Krankheitsbildes in Leben gerufen. Mitglieder der Arbeitsgruppe sind Mitarbeiter der Frauenklinik (Dr. med. Georg Kunz; Frau Dr. Dr. Marion Noe; Mark Herbertz), der Radiologischen Klinik I (Priv. Doz. Dr. med. Huppert, Frau Dr. med. Dolores Beil) und des Pathologischen Instituts (Prof. Dr. med. Gerhard Mall) des Klinikum Darmstadt.

Im Zuge dieser Forschungstätigkeit sind neben weitgehenden Einblicken in die Entstehung der Endometriose bisher unbekannte, wichtige Funktionen der Gebärmutter beschrieben worden (Leyendecker et al., 1999), wie z.B. die Tatsache, daß die Gebärmutter durch peristaltische Kontraktionen aktiv die Samenfäden in den Eileiter transportiert, auf dessen Seite der Eisprung stattfinden wird (Kunz et al., 1996). Wenig später gelang der Nachweis, daß bei Frauen mit Endometriose und unerfülltem Kinderwunsch eine verstärkte und gestörte Kontraktionsaktivität (Hyperperistaltik und Dysperistaltik) der Gebärmutter besteht (Leyendecker et al., 1996). Dies bedingt eine Störung des Samentransportes, aber auch eine verstärkte Abschilferung von Schleimhaut während der Menstruation.

Da der Samentransport durch die innerste Muskelschicht der Gebärmutter, das Archimyometrium, bewerkstelligt wird, entstand der Verdacht, daß die gestörte Transportfunktion mit einer strukturellen Veränderung dieser Schicht einhergeht. Systematische Untersuchungen mit Hilfe der Magnetresonanz (MRI) ergaben, daß bei den meisten Frauen mit Endometriose gleichzeitig eine Adenomyose, d.h. ein Hineinwuchern von Gebärmutterschleimhaut in die Gebärmutterwand besteht (Kunz et al., 2000). Eine Adenomyose geht mit erheblichen Menstruationsbeschwerden und mit irregulären Blutungen einher, unter denen Frauen mit Endometriose häufig leiden. Die Beschwerden bei Endometriose können allerdings auch unmittelbar durch die Herde am Bauchfell verursacht werden. Insgesamt bietet die Endometriose im Hinblick auf Lokalisation der Herde und des Beschwerden ein sehr variables Erscheinungsbild (Leyendecker et al., 1999; Leyendecker 2000).

Die bisher gängige Theorie nach Sampson besagt, daß während der Menstruation ein Teil des Blutes und damit ein Teil der abgestoßenen oberfächlichen Schleimhaut (Endometrium) über die Eileiter in den Bauchraum gelangt ( sog. retrograde Menstruation) und sich dort einnistet und zur Endometriose entwickelt. Da aber alle Frauen mit offenen Eileitern eine retrograde Menstruation und nur ein kleiner Teil eine Endometriose entwickelt, kann diese Theorie die Entstehung der Endometriose nicht ausreichend erklären. Es sind daher von vielen Forschern Hilfskonstruktionen entwickelt worden, u.a. die Vorstellung, daß bei Frauen mit Endometriose ein lokaler Immundefekt des Bauchfells im kleinen Becken das Anwachsen der abgestoßenen Schleimhaut begünstige.

Unsere Forschungen haben nun ergeben, daß bei Frauen mit Endometriose etwas geschieht, was normalerweise nicht vorgesehen ist. Normalerweise wird während der Regelblutung nur die obere Schicht der Schleimhaut, die sog. Funktionalis abgestoßen. Nach der Blutung regeneriert sich die Schleimhaut wieder aus der nicht abgestoßenen untersten Schicht, der Basalis. Die Basalis hat ganz bestimmte biochemische Eigenschaften, u.a. nämlich die, daß sie durch das Schwangerschaftshormon Progesteron, welches bereits nach dem Eisprung in der zweiten Zyklushälfte gebildet wird, nicht "eingetrocknet" wird sondern eine Potenz zum Wuchern erhält. Das liegt daran, daß sie über einen ganz bestimmten Progesteron-Rezeptor verfügt, nämlich die Isoform A des Progesteron-Rezeptors.

Bei Frauen mit Endometriose werden nicht nur die Funktionalis sondern auch Teile der Basalis abgestoßen. Dies konnten wir dadurch beweisen, daß wir im Menstrualblut von Frauen mit Endometriose Gewebsfragmente fanden, die die biochemischen Charakteristika von Basalis aufweisen. Solche Gewebsfragment gelangen auch in den Bauchraum und bilden dort Endometrioseherde, die ebenfalls die Charakteristika der Basalis aufweisen. Auch Adenomyoseherde in der Gebärmutterwand leiten sich von der Basalschicht der Schleimhaut ab. Dies ist der Grund dafür, daß weder Endometriose- noch Adenomyoseherde auf eine Hormontherapie langfristig ansprechen und die Beschwerden sehr häufig nach Absetzen der Medikamente wieder auftreten - eben weil die Basalis nicht eintrocknet.

Die Endometriose- und Adenomyoseherde machen aber noch etwas wichtiges anderes, bzw. haben noch wichtige andere Eigenschaften. In der Basalis der Gebärmutter bleiben auch bei der erwachsenen Frau Entwicklungsgene, sog. HOX- oder Homöoboxgene aktiv. Diese Gene regulieren während der Entwicklung den strukturellen Aufbau des Körpers und von Organen und sind beim Erwachsenen in den Organen aktiv, in denen Stammzellen für einen kontinuierlichen Aufbau sorgen (z.B. Knochenmark; im Tierreich: Nachwachsen des Schwanzes bei Eidechsen nach Schwanzverlust). Auch Teile der Basalschicht der Gebärmutterschleimhaut haben den Charakter von Stammzellen. Sie finden sich in den tiefsten Schichten der Basalis (sog. Zone IV der Basalis) und bestehen aus dem Drüsenepithels mit zugehörigem Bindegewebe (Stroma). Werden Gewebsfragmente mit Stammzellcharakter aus ihrem Verband gerissen und nisten sich an einem anderen Ort ein (z.B. Bauchfell; Gebärmutterwand), dann reaktivieren sie das genetische embryonale Programm und versuchen an diesem Ort eine neue Gebärmutter zu bilden; denn Endometriose- und Adenomyoseherde bestehen aus allen drei Schichten der ursprünglichen embryonalen Gebärmutter, der sog. Archimetra. Diese Schichten sind das endometriale Epithel (die drüsige Deckschicht), das drüsige Bindegewebe (Stroma) und die für den Samentransport zuständige innerste Muskelschicht, das Archimyometrium. In knotigen Endometrioseherden in der Darmwand und solchen in der Tiefe der Scheide kann man diese Dreischichtung mit einem einfachen Mikroskop sehen, bei kleineren Endometrioseherden müssen besondere Zellfärbungsmethoden zur Darstellung dieser Schichten angewandt werden.

Wie kommt es zur Abschilferung von Basalis mit uterinen Stammzellen?

Wegen der andauernden peristaltischen Aktivität der Gebärmutter ist es unvermeidlich, daß irgendwann einmal auch Zellen der Basalis mit abgeschilfert werden und in den Bauchraum gelangen. Deshalb haben etwa 30% aller Frauen zehn Jahre nach der letzten Schwangerschaft eine, allerdings nur geringfügige; Bauchfellendometriose und etwa bis zu 60% aller Frauen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren eine Adenomyose (Endometriosis genitalis interna). Es handelt sich um eine andauernde Selbstverletzung (Auto-Traumatisierung) der Gebärmutter durch ihre eigene Funktion (Samentransport; Schwangerschaft; Geburt) Auch ärztliche Eingriffe in der Gebärmutterhöhle (Kaiserschnitt, Eröffnen der Gebärmutterhöhle (Hysterotomie) durch andere Eingriffe fördern die Entstehung einer Endometriose und Adenomyose. Die subhumanen Primaten (Affen) weisen auch einen menstruellen Zyklus auf. Es konnte nachgewiesen werden, daß eine aus tierexperimentellen Gründen vorausgegangene Hysterotomie neben einer Östrogenbehandlung die häufigste Assoziation zu einer bei ihnen bestehenden Endometriose ist.

Wie bereits oben beschrieben, weisen junge Frauen mit Endometriose eine im Schnitt um 100% gesteigerte Kontraktionsaktivität auf (Leyendecker et al., 1996). Der Prozess der Auto-Traumatisierung mit Verschleppung von Basalis beginnt bei diesen Frauen sehr früh, meist unmittelbar nach Beginn der Periodenblutungen. Sehr früh kommt es parallel zur Verschleppung von Basalis in den Bauchraum auch zum Eindringen von Basalis in die Gebärmutterwand, wobei deren Struktur durch die sich entwickelnde Adenomyose zerstört und der Mechanismus des gerichteten Transportes von Samenzellen beeinträchtigt wird.

Aus dieser Sicht der Entstehung von Endometriose und Adenomyose ergeben sich zwangsläufig Erklärungen für die bisher dauerhaft ineffektive Hormontherapie sowohl in Bezug auf die Beseitigung der Herde als auch in Bezug auf eine Erhöhung der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit.

Die prinzipielle Schwierigkeit der medikamentös/hormonalen Behandlung der Endometriose/Adenomyose besteht darin, daß es sich um bei den Herden um natürliches körpereigenes Gewebe handelt, welches in Aufbau und biochemischer Potenz eine ganz bestimmten Schicht der Gebärmutter entspricht: Der Funktionseinheit bestehend aus (basalen) Schichten der Schleimhaut und der unmittelbar darunter liegenden Muskulatur. Diese Funktionseinheit ist die Archimetra (Noe et al., 1999).

Wenn neben der operativen Behandlung neue medikamentöse Behandlungsstrategien entwickelt werden sollen, dann geht dies u.E. nur über eine Erforschung von Funktion, zellulärer Struktur, biochemischer Prozesse, genetischem Programm und Embryologie der endometrial-subendometrialen Einheit (Archimetra) mit ihrem Stammzellcharakter.

Weitere Informationen zur Endometriose:
Ferticonsult
Gynexpert

Literatur:
                   
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The dynamics of rapid sperm transport through the female genital tract: evidence from vaginal sonography of uterine peristalsis and hysterosalpingoscintigraphy.
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Leyendecker, G., Kunz, G., Wildt, L., Beil, D., Deininger, H. (1996)
Uterine hyperperistalsis and dysperistalsis as dysfunctions of the mechanism of rapid sperm transport in patients with endometriosis and infertility.
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Sonographic evidence for the involvement of the utero-ovarian counter current system in the ovarian control of directed uterine sperm transport.
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The cyclic pattern of the immunocytochemical expression of oestrogen and progesterone receptors in human myometrial and endometrial layers: Characterisation of the endometrial-subendometrial unit.
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Endometriotic and adenomyotic lesions are derived from the basal endometrium with stem cell potential and represent truncated ectopic archimetras (Abstract, European Society of Human Reproduction and Embryology, Lausanne)
                  
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Endometriotic and adenomyotic lesions display the same cyclical estrogen (ER), progesterone (PR) and progesterone isoform B receptor (PRB) expression as the functional unit of basal (zone IV) endometrium and archimyometrium (Abstract, Endocrine Soviety Meeting, Denver)
                    
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Adenomyosis in endometriosis--prevalence and impact on fertility. Evidence from magnetic resonance imaging. Hum Reprod. 
 




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